Hannoversche Allgemeine Zeitung, 17. Januar 1997

"Tout le monde a deux mains, tout le monde a deux pieds..." Wie selbstverständlich singen die dreijährigen Deutschen das fremde Kinderlied mit ihren französischen Betreuerinnen, recken die Händchen hoch und Trampeln mit den Füßen. "Jeder hat zwei Hände, jeder hat zwei Füße" - nur der kleine Lucien schaut bei dem Singspiel in der anderen Sprache etwas skeptisch zu. Denn er ist noch in der Eingewöhnungsphase bei den "kleinen Galliern", jener Elterninitiative, die seit ein Paar Wochen Räume für eine Kindertagesstätte am Aegidiendamm hat.

"Die kleinen Gallier", das ist nur einer von 325 Kindergärten in Hannover - und doch eine einzigartige Einrichtung in Niedersachsen: Er ist der erste deutsch-französische Kindergarten des Landes. Kein Wunder, daß er schon lange vor seiner Gründung das Wohlwollen aller hannoverschen Ratsfraktionen - außer der FDP - gefunden hat, daß sich zur morgigen Eröffnungsfeier nicht nur Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg angekündigt hat, sondern auch ein Repräsentant des französischen Konsulats aus Hamburg und ein Vertreter des Institut français in Hannover.

 

 Der neue Kindergarten folgt einem anspruchsvollen pädagogischen Konzept: Die Betreuerinnen sprechen mit ihren Schützlingen von Anfang an französisch, um sie möglichst schon parallel zum Deutschen auch an die fremde Sprache heranzuführen. Sie können selbstverständlich deutsch, reagieren aber auch auf deutsche Fragen der Kinder möglichst nur auf französisch. "Das hannoversche Umfeld der Kinder ist einheitlich deutschsprachig, der Kindergarten durchgehend französisch - auf diese Weise besteht die Chance, daß beide Sprachen für die Kinder den gleichen Rang bekommen", erläutert Muriel Bastide, die in Frankreich ein Diplom als Lehrerin für Französisch als Fremdsprache erworben hat und in Deutschland außerdem als Kinderpflegerin anerkannt ist. Erfahrung in der Kinderbetreuung hat sie schon in den USA gesammelt, und dort hat sie sich auch von dem einsprachigen Konzept überzeugt. "Das ist einfach das Beste", sagt auch die zweite Betreuerin Françoise Leretaille, die am Institut français seit Jahren Kinder im Vorschulalter unterrichtet. "Stundenweiser Unterricht bringt im Vergleich zu einem komplett französischen Kinderalltag so gut wie nichts."

Die frankophile Ausrichtung der "Kleinen Gallier" ist zwar unverkennbar, der Verein legt aber Wert darauf, daß die Kindertagesstätte keineswegs ein exklusiver Klub von Frankreichfreunden sein soll. "Wir wollen Kindern im zusammenwachsenden Europa die Chance geben, sich möglichst früh polyglott zu entwickeln", sagt Vereinsvize Ralf Saller, auf keinen Fall wird da eine Enklave der Franzosen entstehen." Auch Eltern ohne Französischkenntnisse sollten daher keine Scheu haben, ihre Kinder bei den "Kleinen Galliern" anzumelden.

 
 Viele der derzeit acht Kinder haben freilich schon Berührung mit der Fremdsprache gehabt, sei es, weil die Eltern Frankreich mögen, oder weil ein Elternteil Franzose ist. So geht es beispielsweise der kleinen Valérie, die beide Sprachen etwa gleich gut beherrscht, weil die Mutter mit ihr stets nur französisch, der Vater immer nur deutsch gesprochen hat. "So gut wie bei Valérie klappt es aber nicht immer", lobt Françoise die Dreijährige. "Gleiche Sprachkompetenz bildet sich meist erst ein bißchen später heraus." Wenn aber das frühe Training bis zum zehnten Lebensjahr durchgehalten werde, sei die zweite Sprache ebenso wie die Muttersprache gleichsam in Fleisch und Blut übergegangen.  repas

 Der Weg, den der kleine Lucien und seine Kameraden bis zur stabilen Zweisprachigkeit zurückzulegen haben, ist also noch lang. Bei der pfiffigen Valérie sucht Lucien denn auch bisweilen Zuflucht und nicht zuletzt Zuspruch, wenn er so müde wird, daß ihn die französischsprechende Umgebung überfordert. Dabei versteht er die französischen Worte nicht nur aus der Situation heraus: Als Muriel ihn beim Abschied - selbstverständlich auf französisch - fragt, ob er morgen wiederkommen wolle, schütelt er erst einmal den Kopf. Gleich darauf skandiert er aber umherhüpfend ein fröhliches "A demain, à demain, à demain" - "bis morgen". Na also.

Daniel Alexander Schacht

 

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