| Interview mit der französischen Lehrerin der Grundschule |
MAISONnette no 6, September 2003
Maison Franco-Allemande de Hanovre Deutsch-Französisches
Haus Hannover e.V.
Seit einem Jahr dürfen in Hannover auch die Grundschüler Französisch lernen: An der Grundschule Suthwiesenstraße in Döhren gibt es mittlerweile zwei Klassen, die als bilingualer Zweig geführt werden. Valérie Augustin, Lehrerin, erzählt von ihrer Arbeit.
Wie kam es zu dem deutsch-französischen
Zweig an der Grundschule Suthwiesenstraße?
Die Initiative ging von den Eltern der Kindergartenkinder der
Kleinen Gallier aus, unser Schulleiter und auch die Maison haben
die Sache sehr unterstützt. Letztendlich ist es recht schnell
gegangen mit der Verwirklichung: Wir haben im September 2001 eine
Arbeitsgruppe gegründet und im Juni 2002 stand fest, dass
es tatsächlich los geht. Wir haben den bilingualen Zweig
als Schulversuch für zunächst sieben Jahre genehmigt
bekommen. Mittlerweile haben wir eine zweite und eine erste Klasse.
Wieviel Raum nimmt der
Französisch-Unterricht in den bilingualen Klassen ein?
Die Kinder haben zusätzlich
zu ihrem normalen Programm 5 Stunden Französisch, außerdem
unterrichten wir 2 Stunden Sachunterricht auf französisch.
Erfreulicherweise haben wir eine Französin gefunden, die
als Betreuungskraft eine Stunde am Tag mit den Kindern zusammen
ist, im Rahmen der verlässlichen Grundschule. In dieser Zeit
können wir die Klasse in zwei Gruppen teilen. Wir hätten
gern noch mehr Französisch-Stunden, so dass wir immer mit
halben Gruppen arbeiten könnten, aber leider wurden uns nicht
mehr zusätzliche Stunden genehmigt. In dem Bericht, den wir
bald beim Kultusministerium vorlegen müssen, werden wir das
auch deutlich sagen: Man kann nicht alles machen, wenn man nur
ganz bescheidene Mittel zur Verfügung hat.
Welche Kinder besuchen
die bilingualen Klassen?
In beiden Klassen kann etwa die Hälfte der Kinder schon Französisch,
weil in ihrer Familie Französisch gesprochen wird oder weil
sie im Kindergarten der Kleinen Gallier waren, und die andere
Hälfte kann noch gar kein Französisch. Einige wenige
sind sogar erst vor kurzem nach Deutschland gekommen und können
bis jetzt nur Französisch!
Müssen die Kinder
aus dem Viertel kommen?
Die französischen Kinder kommen aus ganz Hannover, die einsprachigen
Kinder müssen alle in dem Viertel, in Döhren, wohnen.
Hier müssen wir meiner Ansicht nach allerdings noch mehr
Öffentlichkeitsarbeit machen: Ich glaube nicht, dass die
Döhrener alle wissen, was an unserer Schule läuft und
wie es läuft.
Wie darf man sich den
Französischunterricht in der Grundschule denn vorstellen?
Wenn Leute aus einem fremden Land kommen, fangen sie erst einmal
an, zuzuhören, dann beginnen sie zu verstehen, und erst dann
zu sprechen. Nach diesem Prinzip gehe ich auch mit den Kindern
vor. Ich versuche Situationen zu finden, die ihnen Lust machen
zu sprechen oder wo sie die französischen Ausdrücke
unbedingt brauchen. Wenn die Kinder Lust haben zu sprechen, sprechen
sie, und wenn nicht, lasse ich sie auch in Ruhe. Interessant ist
es für sie nur dann, wenn wir in einer kommunikativen Situation
sind, die die Sprache tatsächlich fordert. Die Kinder verstehen
nicht, wieso man tausend mal wiederholen soll "Je m'appelle
Lena et j'ai six ans", wenn doch die anderen schon wissen,
wie man heißt und wie alt man ist!
Klassischen Anfängerunterricht
gibt es also nicht bei Ihnen. Welche Methoden verwenden Sie stattdessen?
Wir spielen, wir basteln, wir lesen Geschichten. Die deutschen
Kinder verstehen nicht jedes Wort, aber sie lernen zu gucken,
wie die anderen reagieren, und sie lernen konzentrierter zuzuhören.
Die Herausforderung ist es, ihr Interesse immer zu fördern.
Als ich letztes Jahr in der ersten Klasse die erste Stunde Französisch
gegeben habe, habe ich die ganze Zeit auf französisch gesprochen,
die Kinder haben mitgemacht, und eine kleine Deutsche hat mich
nach der Stunde etwas enttäuscht gefragt:"Wann lernen
wir endlich Französisch?"
Eine andere hat gesagt: "Ich will nicht immer nur singen,
ich will auch lernen!"
Ich denke, diese Vorstellung davon, wie Sprachlernen aussehen
soll, haben sie von den Eltern.
Wie integrieren Sie die
Vorkenntnisse, die die Hälfte der Kinder schon haben?
Der Vorteil ist: Die Kinder bringen ihre Kenntnisse ein, d.h.
ich brauche nicht immer alles zu wiederholen, wie ein reiner Sprachlehrer
das machen würde. Wir sind eher in einer bilingualen Dynamik,
wo ich auf französisch spreche, die Kinder, die das verstehen,
machen mit, und die anderen gucken und helfen sich. Das hat aber
seine Grenzen, denn man muss auch die französischen Kinder
fördern. Deren Eltern haben Ansprüche, sie verfolgen
gerne, was die kleinen Cousins lernen, die in Frankreich zur Schule
gehen - damit können wir unsere bilinguale Klasse aber natürlich
nicht vergleichen. Wichtig ist für mich, dass die Kinder
ihre Persönlichkeit einbringen und auch die anderen überzeugen.
Ich möchte nicht die einzige sein, die sagt, man muss Französisch
sprechen.
Sprechen die Kinder auch
untereinander Französisch?
Nein, sehr selten. Das tun sie übrigens auch im französischen
Kindergarten, bei den Kleinen Galliern, nicht. Wenn sie sich an
die Erwachsenen wenden, sprechen sie Französisch. Aber Deutsch
ist hier nun einmal die Alltags- und Umgangssprache, und das ist
auch in Ordnung so.
Geht es im bilingualen
Zweig nur ums Sprechen, oder lernen die Kinder auch auf französisch
zu schreiben?
In der ersten Klasse noch nicht, aber in der zweiten. Wir haben
gerade heute damit angefangen! Ich habe ein französisches
Lehrbuch für die erste Klasse gekauft, mit dem wir arbeiten.
Wir fangen an mit Wörtern, die wir auf ein Poster schreiben,
unseren gemeinsamen Vokabelschatz.
Ist die Situation vorstellbar,
dass ein Kind den bilingualen Zweig nicht schafft?
Französisch ist bei uns ein Wahlfach und wird nicht zensiert,
es wird also kein Problem geben, wenn ein Kind in Französisch
nicht gut voran kommt, sich aber sonst in der Klasse gut hält.
Und was heißt: es nicht schaffen? Wir haben kein festes
Ziel, kein Programm. Natürlich möchte ich, dass die
Kinder auch selbst sehen, dass sie etwas lernen. Es steht allerdings
nirgends geschrieben, was genau die Kinder können müssen
am Ende der vierten Klasse. Ich kann mir nicht vorstellen, dass
sie nach vier Jahren gar nichts können. Auf jeden Fall entwickeln
sie die Kompetenz, zu beobachten: Was will sie? Was hat er wohl
gesagt? Sie lernen, sich die Dinge zu erschließen, auch
wenn sie sie eigentlich noch nicht verstehen. Wenn sie dann mit
12 Jahren anfangen, Englisch zu lernen, haben sie das den anderen
Anfängern voraus.
Wie werden die Eltern
eingebunden in das Schulleben?
Die Eltern sind bei uns sehr präsent, sie machen gern mit.
Die Maison franco-allemande bietet Französisch-Kurse für
die deutschen Eltern an, und die werden sehr gut angenommen. Übrigens
haben auch die Kinder der Parallelklassen, die nicht zum bilingualen
Zweig gehören, die Möglichkeit, Französisch zu
lernen. Einmal die Woche machen wir eine AG Französisch.
Ist der bilinguale Zweig
an der Grundschule Suthwiesenstraße das einzige Projekt
dieser Art?
In Frankfurt gibt es einen deutsch-französischen bilingualen
Grundschulzweig, und in Wolfsburg gibt es eine deutsch-italienische
Schule, allerdings mit einem ganz anderen Konzept, denn dort gibt
es viel mehr italienische Kinder, die zum Teil auch kein Deutsch
können. Ich habe schon gehört, dass hier in Hannover
das Interesse groß ist auch in Hinsicht auf andere Sprachen:
Die Spanier möchten gern eine bilinguale Schule haben, und
auch die Griechen sollen sehr interessiert sein...
Werden Sie die einzige
Französischlehrerin an der Grundschule Suthwiesenstraße
bleiben?
Nein, nächstes Jahr wird es schon drei bilinguale Klassen
gaben, dann brauchen wir unbedingt eine zweite französische
Lehrkraft, ich schaffe nicht alles. Das wird nicht einfach, denn
jemand, der in Frankreich Grundschullehrer ist, kann hier noch
längst nicht einfach unterrichten. Meine Anerkennung für
den Schuldienst hier in Deutschland hat zwei Jahre gedauert und
viele Nerven gekostet! Vielleicht finden wir eine andere Lösung,
z.B. eine Austauschlehrkraft.
Und wie geht es für
die Kinder nach der Grundschule weiter?
Das müssen wir noch klären in der nächsten Zeit!
Auf jeden Fall sollen die Kinder, auch wenn sie später vielleicht
nicht mehr alle in einer Klasse sind, die Möglichkeit haben,
sich weiter zu treffen und Französisch zu lernen. Am besten
wäre es, wenn wir eine Schule finden, die den bilingualen
Zweig fortführt. Als Lehrer brauchen wir dafür unbedingt
einen Muttersprachler. Es soll ja nach den vier Jahren nicht doch
den klassischen Sprachunterricht geben: Es soll weiter gehen mit
unserer Art der dynamischen Spracharbeit!
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